Wo Märchen und Lebensgeschichten sich berühren

Veröffentlicht am 20. Juni 2026 um 09:00

Wenn Märchen helfen, Lebensgeschichten zu verstehen

Seit einiger Zeit spüre ich, wie sehr mich Geschichten anziehen – die gelebten und die alten Märchen, die uns seit Jahrhunderten begleiten. Je tiefer ich eintauche, desto klarer wird mir: Beide sprechen in Bildern, beide verdichten Erfahrungen, beide zeigen Wandlung. Und genau das berührt mich.

Vielleicht liegt es daran, dass ich nach meinem Renteneintritt nach einer Tätigkeit suche, die Sinn trägt – etwas, das mich erfüllt und gleichzeitig anderen etwas gibt. Immer wieder lande ich bei Geschichten.

Wenn ältere Menschen von ihrem Leben erzählen, höre ich darin oft Märchenmotive: den Wald, durch den sie mussten, den Wolf, der ihnen Angst machte, die unerwartete Prüfung, den Helfer im richtigen Moment, den späten Schatz, das Glück nach vielen Umwegen.

Es sind nicht nur Erinnerungen, sondern innere Bilder, die sich über Jahrzehnte geformt haben. Genau diese Bilder liebe ich – nicht die bitteren, sondern die gewachsenen, die reflektierten, die, in denen jemand etwas verstanden hat. Geschichten, die wie ein Märchen einen Weg sichtbar machen, auf den in Dankbarkeit zurückgeblickt wird.

Vielleicht begleitet mich deshalb der gestiefelte Kater schon so lange. Nicht als Trickser, sondern als Begleiter: einer, der Mut macht, Worte findet, Wege öffnet. Einer, der über sich hinauswächst, weil er an jemanden glaubt.

Und vielleicht liegt genau dort meine Verbindung: Menschen zu begleiten, während sie ihre Lebensgeschichte erzählen – und die Märchenmotive darin sichtbar zu machen. Die Prüfungen, die sie bestanden haben. Die Helfer, die sie getragen haben. Die Wandlungen, die sie geformt haben. Die Weisheit, die in ihnen gereift ist.

Ich spüre, wie sich Märchen und Lebensgeschichten in mir berühren und mir zeigen, wie viel Wahrheit in Bildern steckt. Vielleicht beginnt genau dort mein Beitrag: im Lauschen, im Verstehen, im Sichtbarmachen.

Immer öfter frage ich mich, ob darin meine zukünftige Aufgabe liegen könnte: Menschen zu unterstützen, ihr Leben in Bildern zu sehen, Erfahrungen zu ordnen, die eigene Stärke zu erkennen. Nicht als Therapeutin, nicht als Beraterin – sondern als jemand, der zuhört wie bei einem Märchen: aufmerksam, warm, ohne Urteil.

Wenn Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen und jemand so zuhört, wird das Erlebte leichter. Prüfungen bekommen Sinn. Helfer werden sichtbar. Das eigene Leben erscheint nicht mehr zufällig, sondern wie ein Weg, der gegangen wurde – mit Mut, Irrwegen und Wachstum.

Manchmal hilft es, die eigene Geschichte in Bildern zu sehen, um zu erkennen, wie viel Stärke darin liegt.

Ich weiß noch nicht, wohin mich dieser Weg führt. Aber er fühlt sich richtig an. Leise. In meinem Tempo. Und immer mit Respekt für die Geschichten, die gehört werden wollen.

 

Hände in einer stillen Berührung

Wo sich Hände berühren, wandert eine Geschichte weiter.

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