Der unsichtbare Wert
Manchmal frage ich mich, was geschehen würde, wenn ich plötzlich für eine längere Zeit verschwände. Das wäre nicht nur für ein paar Tage oder für einen Urlaub, sondern wirklich für ein Jahr lang.
Die Welt würde sich weiterdrehen. Menschen würden ihren Alltag leben. Ihre Gewohnheiten würden sich verändern. Neue Wege würden entstehen. Manche würden sich anpassen. Manche würden vielleicht kaum merken, dass etwas oder jemand fehlt.
Dieser Gedanke kann schmerzen. Was würden meine Liebsten ohne mich tun? Würde ich sie mit meinem Fortgehen verletzen und enttäuschen? Würden sie sich von mir nicht mehr geliebt fühlen? Könnten sie meinem Wort vertrauen, dass ich wieder zurückkomme?
Und: Würde ich es ertragen können, so lange ohne sie zu sein?
Wir wissen oft gar nicht, welchen Platz wir im Leben anderer Menschen einnehmen. Wir messen unseren Wert an dem, was sichtbar ist: an Erfolgen, Aufgaben und Leistungen, an Dingen, die man zählen, vorzeigen oder beweisen kann.
Lange fragte ich mich, welchen Wert mein Dasein für andere hat. Dann betrachtete ich auf einem Spaziergang einen besonders prächtigen, großen Baum. Sein Schatten fiel auf die Rasenflächen. Kinder spielten darin. Ein auf einer Bank sitzender Spaziergänger ruhte sich dort aus. Vogelgesang ertönte aus dem Blätterdach. Der Baum schien nichts davon zu wissen. Er stand einfach dort. An diesem Tag fragte ich mich, ob Bedeutung vielleicht nicht immer erkannt werden muss, um wirklich zu sein.
Vielleicht sind Menschen ein wenig wie Bäume.
Manche sind jung und biegsam. Andere stehen schon lange im Wind der Jahre. Ihre Stämme sind breiter geworden. Ihre Rinde trägt Spuren von Sonne, Regen und Stürmen. Es gibt dichte Stellen in der Krone, wo das Leben seine Fülle zeigt. Und es gibt durchlässige Stellen, an denen Licht hindurchfällt. Jeder Ast erzählt eine Geschichte.
Da sind die Wege, die man gegangen ist, die Entscheidungen, die man getroffen hat und die Hoffnungen, die sich erfüllt haben - und jene, die still wieder verschwunden sind.
Auch das gehört dazu.
Kein Baum wächst vollkommen symmetrisch. Manche Äste sind abgebrochen. Andere sind verdorrt. Manche tragen keine Blätter mehr. Die toten Äste erzählen von Verlusten, von Enttäuschungen, von Abschieden und Zeiten, die nicht mehr zurückkehren. Und doch gehören sie zum Baum. Ohne sie wäre seine Geschichte nicht vollständig.
Doch gerade seine Unvollkommenheiten machen den Baum wahrhaftig.
Vielleicht wissen wir viel seltener, als wir denken, was wir im Leben eines anderen Menschen hinterlassen haben - vielleicht
- ein aufmunterndes Wort.
- ein offenes Ohr.
- ein gemeinsamer Spaziergang.
- ein stiller Moment der Liebe.
- ein Gedanke, der geblieben ist.
- eine Geste, die Jahre später noch Wärme schenkt.
All das lässt sich nicht messen.
Und doch kann es für einen anderen Menschen wertvoller sein als alles Sichtbare. Vielleicht besteht unser Lebenssinn nicht darin, etwas sichtbar Großes zu vollbringen, das die Welt niemals vergisst. Vielleicht besteht er ein bisschen darin, wie ein alter Baum zu sein, fest zu stehen und verwurzelt zu sein, zu wachsen, weil es der eigenen Natur entspricht, Schatten zu geben, egal, wer den Umkreis betritt, Licht hindurchzulassen, damit es nicht nur dunkel ist und mit allem, was wir erlebt haben, still etwas im Leben anderer zu berühren.
Der größte Wert eines Baumes liegt nicht in seiner Höhe. Und der größte Wert eines Menschen liegt nicht in dem, was er vorzeigen kann, sondern in dem, was durch seine bloße Anwesenheit wächst, gedeiht und geschützt wird, ohne dass er es jemals ganz erfährt.
Nachklang
Vielleicht müssen wir gar nicht wissen, ob und wie weit wir unseren Lebenssinn bereits erfüllt haben. Vielleicht genügt es, weiter zu wachsen. Ast für Ast. Jahr für Jahr und darauf zu vertrauen, dass manches längst Wurzeln geschlagen hat, ohne dass wir es erfahren.
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