Wenn der Körper spricht, bevor wir bereit sind, zuzuhören
Manchmal meldet sich der Körper, bevor wir überhaupt bereit sind, eine Botschaft zu empfangen. Nicht laut, nicht dramatisch – eher wie ein Hinweis aus einer Ecke, die wir gern ignorieren würden. Und manchmal zeigt er uns Wahrheiten, die wir selbst großzügig übersehen hätten.
Dieser Text ist ein Versuch, diesen leisen – und gelegentlich sehr deutlichen – Kommentaren zuzuhören. Zwischen Verantwortung und Freiheit, zwischen Führung und Eigenwillen, zwischen Hingabe und einem leisen Lächeln über die Art und Weise, wie das Leben uns manchmal auf die Füße fällt.
Es gibt Momente, in denen der Körper früher spricht als der Verstand. Bei mir tut er es seit Monaten über die rechte Achillessehne.
Hartnäckig und unbestechlich. Ein Organ, das offenbar beschlossen hat, meine innere Wahrheit zu kommentieren.
Vor einem Dreivierteljahr ist meine Mutter gestürzt und musste viele Wochen im Krankenhaus und in der Reha verbringen. Nun lebt sie wieder in ihrem großen, geliebten Haus. Es ist zu groß für sie – aber es ist ihr Reich. Sie wird älter, verletzlicher, aber ihr Wille bleibt unerschütterlich. Sie bekommt regelmäßig Unterstützung im Haushalt. Wer sie besucht, bekommt eine Aufgabe. Manche Besucher sind für organisatorische Themen zuständig, andere schneiden die Rosen oder helfen beim Aufräumen. Mehr Hilfe möchte sie nicht. Ein Heim kommt nicht infrage. Sie sagt, sie komme zurecht.
Und ich stehe dazwischen.
Zwischen ihrer Freiheit und meiner Klarheit.
Zwischen ihrem Willen und meiner Verantwortung.
Zwischen dem Wissen, was kommen könnte, und dem Wissen, dass ich es nicht verhindern kann.
Es ist nicht sie als Mensch, die mich belastet. Es ist die ständige Bereitschaft. Die stille Wachsamkeit. Die Frage, die nie ausgesprochen wird: Was passiert beim nächsten Sturz?
Der Körper kennt diese Spannung. Er speichert sie. Er hält sie fest. Und manchmal legt er sie genau dorthin, wo wir uns abstoßen, abgrenzen, weitergehen: in die Achillessehne.
Und als wäre das nicht genug, hat sich vor kurzem auch noch eine Zehe gemeldet. Die neben der großen. Beim Spazierengehen – als hätte sich ein Kantstein in meinen Weg gestellt, nicht ich in seinen. Ein heftiger Schmerz, ein Aufschrei, und dann verfärbte sie sich dunkelblau, schwoll an und sah tagelang furchtbar aus.
Ein kleiner, sichtbarer Protest. Ein körperlicher Kommentar:
„Ich kann nicht mehr überall ausweichen.“
Und als hätte mein Körper noch einen weiteren Hinweis gebraucht, bin ich vor ein paar Wochen ausgerutscht und auf meine linke Seite gefallen. Ein unspektakulärer Moment, der sich spektakulär anfühlte.
Eine dicke Beule am Oberschenkel, ein riesiger, dunkler Bluterguss – als hätte mein Körper beschlossen, die innere Spannung einmal farbig darzustellen. Ein weiterer Kommentar, diesmal nicht leise, sondern unübersehbar:
„Auch hier. Schau hin.“
Und doch – und das ist wichtig – meine Mutter ist dankbar und zufrieden.
Sie sagt es.
Sie zeigt es.
Sie meint es.
Nicht nur mir gegenüber, sondern allen, die sie unterstützen. Ihre Dankbarkeit macht nichts ungeschehen, aber sie macht vieles leichter. Und sie nörgelt nicht. Dabei sehe ich nur den Teil ihres Lebens, den sie zeigt. Was in ihr vorgeht, wenn sie allein ist, bleibt ihr Geheimnis.
Vor einiger Zeit hat eine Heilpraktikerin mit mir gearbeitet. Mehrere Stunden lang. Sie löste ein altes Muster in mir auf:
„Ich habe das Bedürfnis, es immer allen recht zu machen.“
Ein schöner Erfolg, ein Beifang, ein leises Aufatmen, ein Schritt weiter in meiner persönlichen Aufräumarbeit. Nur die Sehne blieb unbeeindruckt. Sie schwoll nicht ab. Sie blieb bei ihrer Wahrheit.
Ich habe danach noch einiges ausprobiert:
Kurkuma, Salben, Tropfen, Wickel, Kapseln und Sprays. Ich war offen, geduldig, zugewandt. Aber irgendwann merkte ich: Meine Geduld ist erschöpft. Ich will Ergebnisse sehen.
Der Körper aber – mein alte, weise Freund - arbeitet in seinem eigenen Rhythmus. Er lässt sich nicht drängen. Nicht bestechen. Nicht überreden.
Also geht meine Arbeit mit mir selbst weiter.
Klar.
Konsequent.
Liebevoll.
Die Kurkumakapseln mag ich und nehme sie weiter. Wenn das so weitergeht, werde ich irgendwann gelb – aber vielleicht ist das ja die Farbe der Gelassenheit. Oder der Erleuchtung. Man weiß es nicht.
Auf dem Weg dahin denke ich viel nach und lege Karten. Dann kommt ein Satz, der mich wie ein inneres Aufrichten berührte:
„Der Schöpfer lenkt alles richtig, wenn wir guten Willens und aktiv sind.“
Seitdem übe ich eine neue Form von Klarheit: Ich tue meinen Teil. Ich bin präsent, wach, liebevoll. Aber ich trage nicht mehr das, was nicht mir gehört. Ich lasse das Unkontrollierbare in größeren Händen und sage mir abends:
„Ich bin Tochter - aber ich bin auch ich. Der Rest gehört nicht mir.“
Die Stufen sind rau. Der Weg ist nicht eben. Aber oben wartet Licht.
Und manchmal, ganz leise, wird die Sehne weicher. Und vielleicht heilt sie genau dann, wenn ich es gar nicht mehr erwarte.
Für alle, die ähnliches tragen:
Du musst nicht alles halten.
Du darfst deinen Teil tun – und das genügt.
Der Rest findet seinen Weg.
Ich bin Tochter - und ich gehöre mir.
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