Chicorée - eine stille Hommage

Veröffentlicht am 10. Januar 2026 um 09:00

Zwischen all dem Zucker, den ich so gern esse, gibt es etwas, das mich wirklich nährt.

Im Bioladen steht er immer im Dunkeln. Nicht aus Versehen, sondern wie in einem kleinen Tresor, der etwas Wertvolles schützt. Während anderes Gemüse sich im grellen Licht präsentiert, wartet der Chicorée still im Halbschatten – als wüsste er, dass diejenigen, die ihn suchen, ihn auch finden.

Ich mochte ihn schon immer. Vielleicht, weil er nichts vortäuscht. Sein Biss ist klar, seine Bitterkeit ehrlich, seine Verarbeitung eine Wohltat für Menschen, die keine Geduld für Kücheninszenierungen haben. Er produziert kaum Abfall, er kommt bereits in Stauden, sauber portioniert, bereit. Ein Schnitt am Ende, ein Hauch Wasser zum Abspülen – mehr verlangt er nicht.

In meiner Kindheit war er ein besonderes Geschmackserlebnis – etwas, das ich als exklusiv empfand, zwischen all dem Endivien‑ und Feldsalat, der bei uns im Winter auf den Tisch kam.

Und vielleicht liebe ich ihn auch, weil mein Körper ihn liebt. Weil er mir jedes Mal guttut. Er ist weder aufdringlich noch spektakulär – eher wie ein stilles Einverständnis zwischen uns. Ein Gefühl von Ordnung, das sich einstellt, sobald ich ihn esse. Vielleicht, weil Chicorée mehr in sich trägt als seine Bitterkeit: eine Leichtigkeit, die nicht flüchtig ist. Eine innere Struktur, die sich überträgt. Etwas, das mich nicht beschwert, sondern sammelt. Ein feiner Impuls, der mich stets ein wenig klarer und zufriedener zurücklässt.

Der Chicorée braucht keine Maskerade. Keine Mayonnaise, keine Cocktailsauce, keine Tarnung. Ein leichtes Dressing reicht völlig. Eines, das nicht versteckt, sondern begleitet. Eines, das seine Klarheit nicht übermalt, sondern zum Leuchten bringt.

Dabei ist Chicorée nicht nur roh ein Vergnügen. Auch warm bleibt er sich treu: leicht gebraten, sanft geschmort oder kurz im Wok gewendet entfaltet er eine feine, nussige Tiefe, ohne seine Struktur zu verlieren. Ein Gemüse, das Hitze nicht als Drama versteht, sondern als Variation.

Seine Farbe passt dazu: ein warmes Weiß, an den Spitzen ein wenig Gelb, manchmal ein Hauch Grün. Ein einzelnes Blatt wirkt wie ein kleines essbares Gefäß – ein natürliches Porzellanschälchen, das andere Zutaten trägt, ohne sie zu verschlucken. In Bowls, asiatischen Gerichten oder einfach pur: immer ästhetisch, immer zurückhaltend, immer er selbst.

Vielleicht liebe ich Chicorée, weil er mir nie etwas vormacht. Weil er mich nicht ablenkt, sondern begleitet. Weil er mich daran erinnert, dass Klarheit manchmal besser schmeckt als Trost.

Und weil ich ihn so oft esse, hier zwei Arten, wie er bei mir auf den Teller kommt:

Mein schnelles Chicorée‑Dressing – klar, leicht, ehrlich

Für zwei Portionen:

  • 2 EL Olivenöl
  • 1 EL Weißweinessig oder Zitronensaft
  • 1 TL Dijon‑Senf 
  • 1 TL Ahornsirup oder Honig
  • Salz und schwarzer Pfeffer
  • ein kleiner Spritzer dunklen Sesamöls für Tiefe


Alles miteinander verrühren, über zwei fein geschnittene Stauden Chicorée geben, kurz ziehen lassen.
Mehr braucht es nicht. Und genau das ist das Schöne.

 

Warmer Chicorée – nussig, sanft, unkompliziert

Für zwei Portionen:

  • 2–3 Chicorée‑Stauden
  • 1 EL Olivenöl
  • 1 TL Ahornsirup oder Honig
  • 1 Spritzer Zitronensaft
  • Salz, Pfeffer
  • Optional: ein paar Tropfen Sesamöl oder geröstete Nüsse


Chicorée längs halbieren. In einer Pfanne das Olivenöl erhitzen und die Hälften mit der Schnittfläche nach unten anbraten, bis sie leicht bräunen. Dann wenden, einen kleinen Schluck Wasser oder Brühe dazugeben und kurz schmoren lassen, bis er weich, aber nicht schlapp ist. Mit Ahornsirup, Zitronensaft, Salz und Pfeffer abschmecken. Wer mag, gibt am Ende ein paar Tropfen Sesamöl oder geröstete Nüsse darüber.

Das ist ein warmes Gericht, das denselben Charakter trägt wie der rohe Chicorée: klar, schlicht, ehrlich – nur mit einem leisen, nussigen Unterton.

Und vielleicht greife ich deshalb – zwischen all den vielen Leckereien – immer wieder zum Chicorée. Mehr braucht es nicht. Und er bleibt für mich, was er immer war: ein Geschmack, der mich stärkt und ordnet. Ich glaube, jeder Mensch hat so einen Geschmack, der ihn sammelt.

Chicorée - Nicht dekoriert. Nicht inszeniert. Einfach da.

Chicorée - Nicht dekoriert. Nicht inszeniert. Einfach da.

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