Es gibt Orte, an denen wir uns selbst begegnen, ohne es zu wollen. Orte, an denen die Welt uns näher rückt, als uns manchmal lieb ist. Für mich ist die S‑Bahn so ein Ort. Ein bewegter Zwischenraum, in dem sich meine eigene Unstetigkeit zeigt und gleichzeitig die ganze Vielfalt menschlicher Existenz sichtbar wird. Ein Ort, der mich fordert, berührt, überfordert, weitet und mich immer wieder daran erinnert, dass Menschsein kein gerader Weg ist, sondern ein lebendiges Schwanken zwischen Licht und Schwere.
Manchmal sitze ich in der S‑Bahn und mein Herz ist weit. So weit, dass es überfließt. Dann segne ich die Menschen um mich herum – leise, unsichtbar, ohne Worte. Nicht, weil ich es muss, sondern weil es von selbst geschieht. In solchen Momenten fühle ich mich getragen, verbunden, eingebettet in etwas Größeres. Ein stiller Fluss von Liebe, der einfach durch mich hindurchgeht.
Und an anderen Tagen sitze ich dort und fühle gar nichts. Keine Weite, kein Leuchten, kein Überfließen. Nur mich. Ein inneres Seufzen. Eine Schwere in den Beinen, schon wenn ich das Haus verlasse. Oder eine Müdigkeit, die sich auf meine Schultern legt, wenn ich aus dem Büro komme. So möchte ich nicht sein, denke ich dann.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Dass ich anerkennen darf, dass wechselnde Tagesformen und Zustände menschlich sind. Dass ich nicht immer offenen Herzens sein kann. Dass niemand immer offenen Herzens unterwegs ist.
Viele Menschen meiden die S‑Bahn. Sie fürchten die Nähe, die Fremdheit, die Gerüche, die Unruhe. Sie fürchten das Unbekannte im Anderen. Und vielleicht blockieren wir uns damit selbst – nicht weil die Angst falsch wäre, sondern weil sie uns von einer Erfahrung trennt, die uns eigentlich verbinden könnte. Denn die S‑Bahn ist ein Spiegel. Sie ist ein Mikrokosmos des Lebens. Alles ist da. Alles gleichzeitig. Die Unpünktlichkeit, die Verwirrung, die Verspätungen – sie erinnern uns daran, wie sehr wir uns nach Verlässlichkeit sehnen. Und wie wenig wir sie manchmal bekommen.
Wenn die äußere Welt wackelt und die innere auch, fühlt sich das schwer an. Dann ist die S‑Bahn kein neutraler Ort, sondern ein Verdichtungsraum für alles, was in uns arbeitet. Und dann gibt es die Momente, die schwer auszuhalten sind. Wenn Menschen sehr ausdruckstark telefonieren. Wenn Menschen sich mit atemberaubenden Parfüms einsprühen. Wenn Obdachlose durch die Wagen laufen und um Geld betteln, obwohl es verboten ist.
Menschen, die verwahrlost wirken, die riechen, die laut sind, die mich überfordern, irritieren, manchmal sogar abstoßen. Auch das gehört zur S‑Bahn. Und auch das gehört zu mir. Eine Mischung aus Mitleid und Abwehr, aus Hilflosigkeit und Schutz. Ich möchte damit aufhören, mich dafür zu verurteilen. Denn auch das ist menschlich.
Und dann – plötzlich – die andere Seite: Kindergarten- und Schülergruppen, die wie eine zwitschernde Vogelschar in die Wagen strömen, laut, lebendig, voller Geschichten und Bewegungen. Kinderwagen, in denen Babys liegen, die mit großen, neugierigen Augen die Welt betrachten, als wäre alles neu. Sie bringen eine Leichtigkeit hinein, die man nicht planen kann. Eine Erinnerung daran, dass das Leben nicht nur schwer ist, sondern auch voller Anfang, voller Staunen, voller Unschuld.
Es ist wirklich alles dabei:
- Die Schwere und die Leichtigkeit.
- Die Müdigkeit und das Lachen.
- Die Überforderung und das Staunen.
- Die Randständigen und die Babys.
- Die Menschen, die kämpfen und die Menschen, die einfach nur da sind.
- Und ich mittendrin. Unstet, schwankend, fühlend. Manchmal weit, manchmal eng. Manchmal segne ich. Manchmal halte ich mich selbst kaum aus.
Und vielleicht ist genau das die Entlastung: Dass ich nichts davon perfekt können muss. Dass ich nicht immer leuchten muss. Dass ich einfach Mensch sein darf - so wie alle anderen auch. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst: Mitten unter Menschen zu sein, ohne sich selbst zu verlieren. Sich zu erlauben, zu schwanken. Sich zu erlauben, zu fühlen. Sich zu erlauben, Mensch zu sein. Und in all dem zu erkennen, dass wir einander näher sind, als es auf den ersten Blick scheint.
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