Eine kleine Geschichte über Schutz, Kurzsichtigkeit und innere Führung
Lange habe ich vom „inneren Schweinehund“ gesprochen. Ein unschönes Wort, das mir nie wirklich gefallen hat. Denn da lebt in mir keine faule Kreatur, sondern eine erstaunlich loyale Instanz, die mich schützen will – manchmal etwas zu sehr. Ich nenne ihn heute lieber: den Wächter der Energie.
Mein Wächter – treu bis zur Selbstaufgabe
Mein Wächter ist aufmerksam wie ein Hütehund. Er spürt meine Müdigkeit, meine Überforderung, meine Unsicherheit oft früher als ich selbst.
Er sagt Sätze wie:
- „Ruh Dich aus.“
- „Heute nicht.“
- „Das ist zu viel.“
Und er meint es ernst. Er meint es gut. Er meint es immer gut. Nur hat er einen Sehfehler: Er sieht nur das Jetzt. Er sieht die Anstrengung, aber nicht die Erleichterung danach. Er sieht die Müdigkeit, aber nicht die Freiheit der Vollendung. Er sieht den ersten Schritt, aber nicht den Weg. Er ist loyal – aber kurzsichtig.
Und ich? Ich habe meinen eigenen Sehfehler
Der Wächter sieht zu wenig. Ich sehe manchmal zu selektiv. Er sieht das Mühsame. Ich sehe das Schöne. Und manchmal übersehen wir beide, dass in mir längst ein Frühling begonnen hat – leise, grün, unaufhaltsam.
Er schützt mich vor Anstrengung. Ich schütze mich vor Unlust. Er vermeidet Überforderung. Ich vermeide das Unangenehme. Gemeinsam sind wir ein charmantes Duo, das das Aufschieben fast schon kunstvoll beherrscht.
Die Rollen meines Wächters – und seine erstaunliche Überzeugungskraft
Mein Wächter ist nicht eindimensional. Er hat mehrere Gesichter – und jedes davon meint es gut mit mir. Und ja: Er ist argumentationsstark. Er kann aus einem einzigen „Heute nicht“ eine ganze Rede machen, inklusive Fußnoten, Nebensätzen und emotionaler Beweisführung. Er ist ein Meister darin, Gründe zu finden, die sich vernünftig anhören.
Der Freund
Er ist warm, loyal, ehrlich.
Er sagt: „Du bist müde. Ich halte Dir den Rücken frei.“
Und er liefert sofort zehn gute Gründe, warum das absolut sinnvoll ist.
Der Diener
Er organisiert meine Kraft.
Er liebt kleine Schritte, klare Portionen, überschaubare Etappen.
Er sagt: „Wir machen das, aber bitte nicht alles auf einmal.“
Und er erklärt mir ausführlich, warum das die einzig vernünftige Strategie ist.
Die Amme
Sie ist die zärtlichste Form des Wächters.
Sie hält mich, wenn ich Angst habe.
Sie sagt: „Ich bleibe bei Dir. Du musst das nicht allein schaffen.“
Und sie kann sehr überzeugend darlegen, warum jetzt wirklich nicht der richtige Moment ist, um mutig zu sein.
Der Verführer
Und manchmal ist er ein kleiner Schelm.
Ein brillanter Rhetoriker, der kreative Ausreden erfindet, die so charmant sind, dass ich fast selbst daran glaube.
Er ist der Typ, der mir mit ernster Miene erklärt, warum es absolut notwendig ist, erst die Gewürzschublade aufzuräumen, bevor ich eine wichtige Aufgabe beginne.
Mein Wächter ist kein Gegner – aber ein begnadeter Debattierer
Er ist nicht gegen mich. Aber er ist rhetorisch so gut, dass ich manchmal vergesse, dass ich diejenige bin, die entscheidet. Er argumentiert leidenschaftlich für Schonung. Er verhandelt klug für Pausen. Er präsentiert mir Gründe, die sich logisch anfühlen – und emotional erst recht.
Er ist ein Gegengewicht, kein Feind. Aber er ist ein Gegengewicht mit beeindruckender Überzeugungskraft. Er bremst, wenn ich zu schnell bin. Er warnt, wenn ich mich überfordere. Er hält mich zurück, wenn ich mich verlieren könnte.
Er ist Teil eines Dreiklangs in mir:
- Authentizität spürt, was wahr ist.
- Integrität handelt danach.
- Der Wächter sorgt dafür, dass ich mich dabei nicht erschöpfe.
Manchmal gibt es Momente, in denen wir uns finden — mein Wächter und ich. Wenn ich klar bin und er vertraut, entsteht eine Ruhe, die sich anfühlt wie ein innerer Frühling: leise, warm, selbstverständlich.In solchen Augenblicken weiß ich, dass wir nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander wachsen.
Tief in seinem Kern schützt mein Wächter etwas Kostbares: meine Lebenskraft, meine Würde, meine zarte Stelle, an der ich spüre, wer ich wirklich bin.Er bewacht das, was in mir weich ist – und gerade deshalb so wertvoll.
Was er braucht: meine Führung
Der Wächter sieht nur das Jetzt. Ich sehe nur das, was ich sehen will. Aber meine Integrität sieht das Ganze.
Sie weiß:
- warum etwas getan werden muss
- wie gut es sich anfühlt, wenn es getan ist
- dass Verantwortung Freiheit schenkt
- dass Vollendung innere Ordnung schafft
Wenn ich meinem Wächter sage:
„Ich überfordere uns nicht. Wir gehen Schritt für Schritt.“ Dann wird er ruhig. Dann öffnet er die Tür. Dann begleitet er mich.
Der poetische Kern
Der Wächter schützt meine Kraft. Ich schütze meine Wahrheit. Die Integrität schützt meinen Weg. Er sieht die Anstrengung. Ich sehe das Schöne hinter dem Erfolg. Wir ergänzen uns und erst zusammen ergeben wir ein vollständiges inneres Team.
Ich wachse, wenn mein Wächter vertraut und meine Integrität führt.
Frühlingslicht im Spiegel — wie mein Wächter, mein Sehfehler und ich die Welt gemeinsam betrachten.
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