Am Abend des Widdermondes

Veröffentlicht am 26. September 2026 um 09:00

Ich schaue aufs Meer.

Das Wasser liegt offen vor mir, klar wie ein unausgesprochener Gedanke. Eine Stunde lang trug es mich auf seinem kühlen Atem, über türkisfarbene Tiefen, durch salzige Weite, milder als die Gewässer vor Kreta, doch alt genug, um jedes menschliche Geheimnis zu kennen.

Die Gedanken kamen und gingen wie die Wellen.

Nichts hielt sie fest.

Vor mir schreiten würdevoll die Möwen, mit gemessenen, kleinen Schritten durch den warmen Sand.

Ihre Augen ruhen wach auf der Welt, immer bereit, einen vergessenen Keks zu entdecken, ein Stück Brot, einen kleinen Schatz des Augenblicks.

Sie wissen, dass das Leben oft aus den Dingen besteht, die andere übersehen. Während ich ihnen zusehe, senkt sich die Sonne.

Das Gold wird sanfter. Die Schatten werden länger. Der Sommer beginnt, sich leise aus dem Tag zurückzuziehen.

Nicht traurig. Nicht dramatisch. Nur mit jener stillen Würde, mit der reife Früchte vom Baum fallen.

Und mitten im Wasser sprach ich ein stilles Gebet.

Alles, was schwer geworden war. Alles, was an mir haftete. Alle alten Sorgen. Alle unnötigen Lasten.

Ich übergab sie dem Meer. Welle um Welle. Nicht kämpfend. Nicht fordernd.

Einfach loslassend.

Das Meer nahm meine Worte auf, wie es Flüsse empfängt, den Regen sammelt und seit Urzeiten die Tränen und Hoffnungen der Menschen bewahrt.

Als ich zurück ans Ufer schwamm, war etwas leichter geworden.

Vielleicht die Welt.

Vielleicht nur mein Herz.

Doch manchmal ist das dasselbe.

Nun steigt der Vollmond empor. Der Widdermond.

Über den stiller werdenden Wellen legt er eine silberne Straße aus Licht, die bis zum Horizont reicht.

Die Möwen werden schweigen. Die Sonne wird verschwinden. Der Sommer wird weiterziehen.

Doch dieser Abend bleibt.

Das klare Wasser. Der warme Sand. Die langen Schatten. Der Mond über dem Mittelmeer.

Und das leise Wissen:

Was gehen musste, ist gegangen. Was bleiben darf, bleibt.

Und die Seele ruht einen Augenblick. Zwischen Meer und Mond. Mehr braucht dieser Abend nicht.

Vollmond im Widder -     Was gehen musste, ist gegangen. Was bleiben darf, bleibt.

Der Widdermond

Was gehen musste, ist gegangen.
Was bleiben darf, bleibt.

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